Kinder beziehen im Allgemeinen vieles auf sich und entwickeln leicht Schuldgefühle, wenn sie sich insgeheim für etwas verantwortlich fühlen. Gerade Geschwister behinderter Kinder übernehmen außerdordentlich viel Verantwortung - ein Nährboden für Ängste, Aggressionen und Schuldgefühle.
Geschwister behinderter Kinder beschäftigen viele Fragen:
Ist die Behinderung vielleicht ansteckend?
Warum kann der Arzt meinen Bruder/meine Schwester nicht gesund machen?
Werde ich von meinen Freunden ausgelacht oder finde ich keine Freunde, weil ich einen behinderten Bruder/eine behinderte Schwester habe?
Hat mich meine Mama/mein Papa weniger lieb als mein behindertes Geschwister?
Diese Fragen, bleiben sie unbeantwortet bzw. dürfen sie nicht ausgedrückt werden, entwickeln sich dann zu Ängsten.
Im Kleinkindalter können Geschwisterkinder auch Schuldgefühle aus ganz irrealem Glauben heraus entwickeln: Ist mein Bruder/ meine Schwester behindert, weil ich ihm im Zorn etwas Böses gewünscht habe? Weil ich ihn/sie zuwenig lieb habe?
Ältere Geschwisterkinder können Schuldgefühle entwickeln, weil sie etwas – obwohl sie noch jünger sind - besser können als das behinderte Kind (sich anziehen, Sport betreiben, selbständig essen, lesen….). Das Bewusstsein der eigenen Überlegenheit oder Gesundheit vergrößert manchmal nicht die eigene Freude, sondern die Scham.
Der Umstand, dass von den Geschwisterkindern viel Rücksicht gefordert ist, kann die Kinder veranlassen, Aggressionen dem behinderten Geschwister gegenüber zu unterdrücken. Auch dadurch entwickeln Kinder Schuldgefühle – wenn sie sich ihrer „bösen“ Gedanken und Gefühle, die sie dem behinderten Geschwister gegenüber haben, schämen.
„Je nach Charakter, Intelligenz und sozialem Umfeld gehen die Geschwister behinderter Kinder mit ihren Schuldgefühlen um. Manche neigen zum Altruismus. Sie opfern sich auf, sind immer zur Stelle, nichts wird ihnen zuviel. Und dadurch überfordern sie sich. Sie geben sich immer mehr Mühe, um nicht nur gut, sondern besser zu sein. Ein Teufelskreis.
Oder aber sie distanzieren sich, gehe, sobald sie können, bewusst eigene Wege, weil sie die Belastung, die das behinderte Geschwisterkind darstellt, nicht aushalten. Sie verdrängen ihre Schuldgefühle. Das kann das Gefühlsleben einschränken, die persönliche Entwicklung behindern. Mitunter werden Geschwister dadurch gehemmt, versagen in der Schule, reagieren aggressiv oder depressiv.“ (Ilse Achilles)
Es ist wichtig, mit den Geschwisterkindern über ihre Ängste und Schuldgefühle zu sprechen und sie ernst zu nehmen. Bei Schuldgefühlen brauchen die Geschwisterkinder besonders viel Zuwendung und Trost. Eltern sollten Geschwisterkindern vermitteln, dass sie nicht schuld an der Behinderung des Bruders/der Schwester sind und auch, dass es ganz in Ordnung ist, wenn sie die Welt manchmal ungerecht finden, eifersüchtig sind oder Dinge besser können als das behinderte Geschwisterkind.