Es sind oft besondere Herausforderungen und Schwierigkeiten, die Menschen zu Höchstleistungen anspornen. Vor 175 Jahren erfand der 16-jährige Franzose Louis Braille einen erhabenen Zeichensatz, der ihm half mit seiner Erblindung zurecht zu kommen. Anfangs von der offiziellen Pädagogik unterdrückt so wie auch die Gebärdensprache gehörloser Menschen ist heute die Braille-Schrift ein Schlüssel zu selbständigem Leben.
(BONN) -- Blinde Menschen können zwar nicht sehen, aber dennoch als Stenotypisten arbeiten, Studien betreiben und ohne größere Probleme Fremdsprachen erlernen. Sie "sehen" und "lesen" mit ihren Händen -- mit Hilfe der aus sechs Punkten bestehenden Braille-Schrift, die vor 175 Jahren erfunden wurde. "Ohne diese Schrift hätte ich nicht Fremdsprachen lernen und meine haupt- und ehrenamtlichen Positionen erreichen können", so der pädagogische Leiter des Deutschen Blindenbildungswerks und ehrenamtliche Generalsekretär der Europäischen Blindenunion, Norbert Müller. Ein weiteres wichtiges Hilfsmittel für den blind Geborenen, der Sozialarbeit studiert und ein einjähriges Praktikum in den USA absolviert hat, ist der bis zur Brust reichende weiße Stock, dem mit dem 15. Oktober international sogar ein eigener Tag gewidmet ist. Punkt-Schrift und Blindenstock sind für Müller unentbehrlich geworden.
"Tag des weissen Stockes"
In diesem Jahr wollen die Blindenorganisationen am "Tag des weißen Stockes" neben dem wichtigsten Hilfsmittel zur Fortbewegung auch den unschätzbaren Wert der Punktschrift ins
öffentliche Bewusstsein rücken, die 1825 von dem Franzosen Louis Braille ersonnen wurde. Louis Braille hatte im Alter von drei Jahren in der
Sattlerei seines Vaters einen Unfall erlitten und war nach und nach erblindet. Im Alter von 16 Jahren erfand er dann die Sechs-Punkte-Schrift. In 63 Kombinationen ergeben die Punkte Buchstaben, Zahlen und andere Schriftzeichen. Bevor sich seine heute als genial angesehene Sechs-Punkte-Schrift als bestes Mittel zur Alphabetisierung nichtsehender Menschen durchsetzen konnte, mussten Blinde noch mühsam die erhaben dargestellten normalen Buchstaben lesen.
"Vor der offiziellen Anerkennung der Punktschrift lernten die Schüler der Pariser Blindenschule den Lehrern zum Trotz die leicht handhabbare Schrift und schrieben sich Liebesbriefe, die die Lehrer nicht lesen konnten", berichtet Norbert Müller. Die ersten Bücher wurden mit einem Stichel durch eine von Braille konstruierte Schablone auf dickes Papier gestochen. Später erleichterten Blindenschriftmaschinen die Übertragung erheblich. Heute können blinde Menschen mit Hilfe der Elektronik auf einer unterhalb der PC-Tastatur angebrachten Schiene auch Bildschirmtexte Zeile für Zeile lesen. Deshalb trägt diese "Schiene" die Bezeichnung Braille-Zeile. Es ist eine Lochmaske, durch die Stifte elektronisch hochgedrückt werden und sich zu fühlbaren Zahlen und Buchstaben formen.
Braille-Schrift erweitert
Inzwischen ist die Braille-Schrift auf acht Punkte erweitert worden; zunächst, um blinden Stenotypisten das Schreiben höherer Silbenzahlen zu ermöglichen. Viele schreiben weit über 300 Silben pro Minute. Heute braucht man acht Punkte aber vor allem, um alle neuen Computer-Zeichen wiedergeben zu können. "Die Blindenschrift öffnet uns weltweit den Weg zur Bildung, Information und Selbstständigkeit", betont der Präsident des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes in Bonn, Jürgen Lubnau.
Den weltweiten Siegeszug seiner Erfindung erlebte Louis Braille nicht mehr. Er starb am 6. Jänner 1852 an einem Lungenleiden. Frankreich ehrte ihn verspätet, indem die Gebeine des Blindenschrifterfinders am 21. Juni 1952 im Pariser Pantheon beigesetzt wurden.
lhw 20-01-00