Vor 13 Jahren, als unser Sohn Alexander mit Down Syndrom zur Welt kam, gab es da schon seinen um drei Jahre älteren Bruder Mario.
Bericht über Geschwisterkinder eines Burschen mit etwas anderen Lebensvoraussetzungen
Intuitiv bekam er unseren anfänglichen elterlichen Schmerz über Alexanders Beeinträchtigung mit und machte uns gerade deshalb durch seinen natürlichen Umgang mit dem Baby in dieser Zeit besondere Freude. Es war uns immer ein Bestreben, Alex gleichwertig wie jedes andere Kind zu behandeln. Dies wollten wir zu Gunsten unseres behinderten Kindes so halten und auch zu Gunsten des Bruders. Es war uns bewusst, dass es für Mario schwer genug war, plötzlich einen neuen, kleinen Bruder neben sich zu akzeptieren. Die Mehrbelastung, dass es sich dabei um ein Kind mit besonderen Bedürfnissen handelte, wollten wir so gering wie möglich für ihn halten.
Ganz bewusst entschlossen wir uns zwei weitere Jahre nach Alexanders Geburt, noch ein drittes Kind zu bekommen. Als Mutter fühlte ich eine Unvollkommenheit in mir, und obwohl ich wusste, was ein drittes Kind an Mehrarbeit, Verantwortung und Opfer bedeutete, wollte ich diesem innerlichen Drang nachgeben. In diese dritte Schwangerschaft ging ich nicht mehr ganz so unbelastet wie in die vorangegangenen. Für die Geburt dieses Kindes war großteils Alexander verantwortlich, ohne dessen Anwesenheit wir wohl bei zwei Kindern geblieben wären.
In mir wusste ich, dass ein weiteres Kind ein Geschenk an uns alle vier wäre. Es konnte nur gut sein: Für unser familiäres und seelisches Gleichgewicht; für Mario, als zweites Geschwisterchen; und für Alex als Herausforderung für seine weitere Entwicklung.
Mein Gefühl bewahrheitete sich in allen Belangen: Tanja, unsere Tochter, erfüllt das, was wir uns im Stillen erhofft hatten, allein dadurch, dass sie in unser Leben getreten ist.
Uns als Eltern war es sehr wichtig - und darauf bereiteten wir die beiden Geschwister vor, dass sie sich gegenüber ungehörigen Stellungnahmen, die den beeinträchtigten Bruder betreffen, selbstbewusst und ohne großen seelischen Schmerz zu wehren wissen. Nicht durch Aggressivität, sondern durch verzeihende, verbale Aufklärung.
Als Mutter ließ ich auch Tränen zu, die aus Schmerz über das Anderssein des Bruders daheim (mit mir) vergossen wurden. Nur wenn für den Schmerz Platz ist, kann ein Kummer richtig verarbeitet werden. Der Kummer wich der Tatsache, dass es nun mal so ist, wie es ist, und dass wir das Beste für alle daraus machen wollten. Wir erlebten dadurch eine Stärkung für die ganze Familie: Etwas Besonderes verbindet uns, wir stellen uns einer Herausforderung des Lebens, die wir zusammen bewusst und mutig als positiv und bereichernd annehmen wollen.
Alex war und ist bei Schulveranstaltungen und Feiern der Geschwister mit dabei. Bruder und Schwester waren und sind ihrerseits bei Ereignissen, manchmal auch bei Therapien von Alexander dabei. Hierbei liegt es an uns Eltern, das richtige Maß im Auge zu behalten.
Die Freunde unserer Kinder wachsen gemeinsam mit Alex auf, nach einer dementsprechenden Aufklärung über sein genetisches Anderssein und seiner Bedürfnisse ist der Umgang mit ihm eine Selbstverständlichkeit für sie. Die positive Sichtweise der Eltern der Freunde spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle.
Solange sich die Geschwister oder Freunde mit Alex aktiv beschäftigen wollen, freue ich mich darüber, aber auch ein Rückzug ihrerseits wird akzeptiert, da mir die Gefahr des Überstrapazierens bewusst ist.
Alex nimmt am Spiel teil, wenn es geht; - wenn es aus mentalen Gründen nicht möglich ist, fördere ich sanft seine physische Teilnahme am Geschehen.
Ich bin überzeugt, dass es der Umstand des nicht Verstecken-Wollens, die Offensive in die Öffentlichkeit hinaus, das Vorleben und die Selbstverständlichkeit es sind, die diese positiven Reaktionen der Umwelt für die Geschwisterkinder herbeiführen.
Alex sind seine Geschwister sehr wichtig. Durch niemanden sonst profitiert er so viel in seinem Leben, wie durch sie. Die geistige und verbale Kluft wird zwar größer zwischen ihnen, andererseits können sie durch ihre zunehmende geistige Reifung dies wieder relativieren. Die Geschwister fordern einander, sie fördern einander, sie stecken ein, sie teilen aus, sie verpetzen einander, sie beschützen einander, sie streiten sich, sie lieben sich - wie alle Geschwister eben.
Die Stellungnahme von Alexanders Schwester Tanja heute, mit 11 Jahren:
“ Ich bin schon traurig, dass Alex mit einem überzähligen Chromosom auf die Welt gekommen ist. Ich frage mich, warum gerade er? Ich kann nicht so viel mit ihm machen, spielen, reden, wie wenn er das nicht hätte.
Ich habe manchmal ihm gegenüber den Vorteil, dass ich mehr für mich erreichen kann, weil ich stärker bin als er,…ich weiß, das klingt nicht schön…
Andererseits bin ich froh, dass ich die Möglichkeit habe, mit ihm als Bruder aufzuwachsen und Erfahrungen für mein Leben zu machen, die andere nicht haben.
Im Religionsunterricht war die Frage:“ Was ist mir heilig?“ Ich habe darauf geantwortet, dass mir mein Bruder heilig ist, weil er etwas ganz Besonderes für mich ist.“
Auf die Frage an meinen mittlerweile 16 jährigen Sohn Mario, welche Sichtweise er dazu hat, antwortete dieser:
„Ich habe eigentlich keinen Nachteil durch meinen Bruder, eher Vorteile, weil ich durch ihn reifer und sozialer geworden bin.“
Mario und Tanja, die Geschwister unseres Sohnes Alexander, betreiben durch ihr natürliches Verhalten Bewusstseins- und Herzensbildung in ihrem Umfeld:
FÜR Behinderung, FÜR Unvoreingenommenheit, FÜR Akzeptanz, FÜR Integration.
Wir Eltern freuen uns über die heranwachsende, neue Generation, die schon von Kindestagen an ihren Horizont in menschlicher Richtung erweitert hat, und mit großer Selbstverständlichkeit an der Verbesserung unserer Welt arbeitet.
Die Liebe ist eine Zaubermacht:
Sie stärkt den Schwachen und wirft den Starken nieder.
(Lord George Gordon Noel Byron; 1788 – 1824)
Claudia Schmid, November 2005