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Das letzte Kind

Fanny mag Pippi Langstrumpf, Homer Simpson und Pizza. Ihre Eltern wollten sie unbedingt haben, obwohl ihr Wunschkind anders ist als die anderen. Julia Ortner vom Falter warf einen Blick in Fannys Welt.

 
Simpson-Fan Fanny.
Ein Fan der Simpsons: Fanny, 11. Foto: Heribert Corn, www.corn.at
 

Bei sich daheim ist sie das Kind mit dem Durchblick, da schaust du nur so. Wie ist das jetzt mit dieser Cousine, sind wir mit der zweiten Grades verwandt oder was? Wann hat der Papa denn das Foto aufgenommen? Fanny weiß prinzipiell Bescheid. „Schon interessant, dass unser ,gescheiter‘ Sohn keine Ahnung von solchen Dingen hat und die Fanny unser Familienlexikon ist“, sagt Anna Wieser und schaut ihre Tochter stolz an. „Wenn sie nicht Down-Syndrom hätte, wäre sie wahrscheinlich eine echte Streberin.“ Fanny, 11, freches Latzkleid, rosa Haarreifen, ein Pippi-Langstrumpf-Mädel, grinst zurück.

Fanny Neumayer mag die gleichen Dinge wie andere kleine Mädchen. Pferde, Pizza, Mousse au Chocolat, Astrid Lindgren, Wallace & Gromit, ihren schwarz-weißen Kater Maunzi, die beste Freundin Sonja, Puppen – „ich bin auch für Barbies, aber mehr als ein, zwei müssen es wirklich nicht sein“, erklärt sie. Fanny liest viel und zeichnet gerne, sie kann sich gut mit sich selbst beschäftigen, sagen die Eltern. Jeden Samstag geht sie reiten, hin und wieder mit der Mama ins Kinderkonzert. Wenn Besuch kommt, ist sie die Wohlerzogene, die einen an der Hand nimmt und ins Wohnzimmer führt. Das Mädchen deckt auf, holt den Kuchen, das Messer, macht sich einen Saft und will sich dabei nicht reinpfuschen lassen. „Das schaff ich alleine, du brauchst dir keine Sorgen machen“, sagt sie energisch zu ihrer Mutter. Dann ausgiebiges Rumoren und Geklapper in der Küche, Fanny hat ihr eigenes Tempo. Sie macht alles etwas langsamer als andere Kinder – ein Hauptmerkmal der Menschen mit Down-Syndrom. „Meine Zellen sehen anders aus“, sagt die Elfjährige nüchtern. Sie weiß um ihr Handicap, kennt all die Folder über Down-Syndrom, die daheim herumliegen. Nur „Behinderung“ nennen es die Eltern nie.

Info-Plattform für Down Syndrom Österreich

Ambulanz für Down Syndrom

Fanny mit ihrer Katze
Katzenliebhaberin, Puzzlemeisterin: Fanny. Foto: Heribert Corn
 

Meisterin des Puzzles
Die Eltern erzählen. Immer diese Erwachsenengespräche, Fanny ist fad. „Ich geh jetzt ins Bad und tu mir die Nasenwuzeln raus“, verkündet sie. Verlogene Diplomatie ist nicht ihre Sache. „Wir leben halt unsere Normalität“, sagt Fritz Neumayer. Nach den ersten drei Jahren sind beide Eltern wieder arbeiten gegangen. Fanny wird nicht anders erzogen als ihr großer Bruder. Selbstironie hilft dabei jedenfalls. „Wir haben immer gesagt, Pilotin oder Primaballerina wird sie keine, in Rechnen wird sie auch nicht toll sein – so wie wir selbst“, meint ihre Mutter. Dafür ist Fanny in anderen Dingen echt gut, etwa beim Puzzlespielen. Sie hockt auch nicht so viel vorm Fernseher wie andere Kinder. „Ich schau nur die ,Simpsons‘. Homer mag ich am liebsten, weil er so deppert ist, das ist schon absurd“, doziert die Elfjährige. „Obwohl der Papa immer sagt, die ,Simpsons‘ sind eigentlich nichts für Kinder – und er hat sichtlich Recht.“ Wenn Fanny loslegt, schauen manche Erwachsene blöd.

Schwierigkeiten hat die Familie vor allem mit der Bürokratie – wie findet man einen passenden Fahrtendienst oder die richtige Schule? Nachdem Fanny einen normalen Kindergarten und eine Volksschule besucht hat, ist sie nun in einer katholischen Privatschule mit Sonderschullehrplan gelandet. Die Eltern konnten keine gute Hauptschule mit Nachmittagsbetreuung und Integrationslehrern finden. „Man muss aufpassen, dass Kinder mit Down-Syndrom auf diese Art nicht unterfordert sind – das ist ihr Hauptproblem“, erklärt Fannys Vater. Für seine Frau und ihn heißt das eben: noch mehr Einsatz daheim. Zumindest müssen sich die Eltern nicht um Fannys Gesundheit sorgen. Mit sieben Monaten wurde sie am Herzen operiert, seitdem hat sie keine Beschwerden. Die Familie investiert dafür auch einiges in Alternativmedizin.

Hohe soziale Kompetenz
Eines hat Fanny jedenfalls im hohen Maß, erzählen die Eltern: Mitgefühl und soziale Kompetenz. Sobald es jemandem schlecht geht, ja sogar, wenn ein Kind in der Schule losheult, weint das Mädchen mit und will was tun, damit sich der andere besser fühlt. Doch immer lieb zu sein, wie es die Leute von Kindern mit Down-Syndrom erwarten, darauf hat sie auch nicht jeden Tag Lust. Manchmal ist Fanny muffig, wie vor kurzem in der U-Bahn. Da wollten irgendwelche netten Leute mit ihr und ihrer Mutter plaudern, aber sie nicht. Man muss ja nicht zu aller Welt freundlich sein, befand sie. Als Kleinkind wurden ihre Eltern sowieso dauernd angequatscht, jö, was für ein herziges Mäderl! Jetzt, wo sie älter wird, drehen sich die Leute in der Straßenbahn manchmal um, wenn sie mit ihrer tiefen Stimme irgendwelche Geschichten von ihren Puppen erzählt. Aber auch wenn Fanny zu Hause nichts von Kränkungen berichtet – ihre Mutter hat ihr sicherheitshalber beigebracht, sich zu verteidigen, wenn’s nötig ist: „Selber blöd, du Kröte.“

Wenn sie traurig ist, setzt sie sich unter ihr Hochbett, in das Versteck, und denkt nach, erzählt Fanny. Bald ist sie schon zwölf, und ihre Eltern wissen, dass es für sie nicht einfacher wird. Die anderen Mädels interessieren sich für Partys, Kino, Buben – Fanny liest daheim in ihren Büchern. „Man muss sicher aufpassen, dass sie sich nicht zu sehr zurückzieht“, meint Anna Wieser. Denn heutzutage würden gerade viele Zwanzigjährige mit Down-Syndrom an Depressionen leiden, wenn ihnen bewusst wird, dass Sex, Beziehung und ein eigenständiges Leben für sie nichts Selbstverständliches sind. Doch Fannys Eltern wollen, dass ihre Tochter einen Abschluss macht und später in einer WG wohnen kann. Kindergartenhelferin oder die Arbeit in einem Altenheim, dass wäre vielleicht etwas für sie. Es gibt ja schon Vorbilder, wie eine Frau mit Down-Syndrom, die den Führerschein gemacht hat und täglich mit dem Auto zur Arbeit in der Fabrik fährt. Oder einen jungen Spanier, der sogar Jus studiert hat.

In Fannys Welt geht es aber noch um die Dinge, die Kinder wirklich interessieren. Darüber schreibt sie auch gerne, wie in einem Brief an ihre Tante: „Mir geht es in der Schule sehr gut. Wir lernen über die Knochen von Menschen. Am Mittwoch gehe ich Judo und am Samstag reiten. Zu Fasching gehe ich als Hexe. Alles Gute, Deine Fanny.“

Dieser Bericht von Julia Ortner erschien ursprünglich im Stadtmagazin Falter. Wir danken der Autorin für die freundliche Erlaubnis zur Wiedergabe, sowie dem Fotografen Heribert Corn für die Fotos von Fanny.

LHW / 2-April-2007