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Geschwisterliches aus der Betrachtungsweise einer Mutter

Ich bin Ehe- und Familienberaterin und Mutter von zwei Söhnen – Thomas, 18 Jahre und Michael, 12 Jahre. Mein älterer Sohn hat eine Behinderung.

 

Der Altersunterschied meiner Kinder – im Speziellen, dass mein Sohn mit Behinderung der Ältere ist – wirkte sich zunächst einmal eher vorteilhaft auf die Beziehung der beiden aus: Die ganze Kleinkind-Zeit von Michael hatte er einen guten Spielpartner. Vielmehr hatten sie sich gegenseitig und auch viel Spaß miteinander. Und natürlich konnte man der Mama gemeinsam „eins auswischen“.

Thomas gab die Rolle des älteren Bruders auch das Gefühl, eine „Aufgabe“ zu haben; er fühlte sich sehr für Michael verantwortlich als „Großer“. Schwieriger wurde es, als Thomas nicht mehr spielen wollte. Vielmehr kam dann die Phase, dass „Spielen“ für ihn gleichbedeutend war mit „Lesen“ und er sich dazu zurückzog. Michael akzeptierte das aber dann meist auch mit einem „Naja, das ist halt so“. Es stellte kein massives Problem dar.

Mittlerweile ist Michael in die „Vorpubertät“ gekommen, und hier zeigen sich schon erstmals Probleme. Erst vor kurzem ließ er mir mit einer Bemerkung den Atem stocken, als er sagte: „Eigentlich habe ich ja gar keinen Bruder!“. Bei seinen beiden Cousins, die seine Vorbilder sind, konnte er beobachten, dass diese vieles gemeinsam unternehmen und daran feststellen, dass er eben mit seinem Bruder nicht alles machen kann. Mir erscheint es auch manchmal so, als würde ihm das „Vis-a-vis“ fehlen, der Reibepunkt, den er in seiner jetzigen Phase bei jedem ihm nahe stehenden Menschen sucht. Dass Thomas verbal nicht mit ihm mithalten kann, ärgert Michael. Es zeigen sich einfach jetzt in der beginnenden Pubertät für Michael mehr Unterschiede zu anderen Kindern im Alter seines Bruders.

Als Mutter bin ich manchmal betroffen darüber, aber eigentlich ist es auch ein „normaler“ Verlauf in der Pubertät. Michael sucht auch bei mir und meinem Mann Reibepunkte bzw. am liebsten natürlich immer bei Personen, die schwächer sind.
Es ist eine Herausforderung für uns, diese Phase nicht auf die Behinderung von Thomas zu münzen. Wäre Thomas nicht behindert, würden die Fetzen eben „verbaler“ fliegen.

In anderen Situationen zeigt sich aber auch wieder ganz deutlich das starke Geschwisterband, das die beiden verbindet, z.B. wenn sich Michael Sorgen um Thomas macht, wenn dieser einmal später als erwartet nach Hause kommt.
Wäre es so, dass Michael seinen behinderten Bruder immer nur lieb finden würde, wäre ich wahrscheinlich besorgter, denn das ist auch keine „gesunde Reaktion“. Wer findet seine Geschwister in der Pubertät schon immer lieb? Ich würde nicht wollen, dass er seine Probleme oder Unzufriedenheiten in sich „hineinfrisst“.

Michael zeigt mir auch oft sehr wohl, dass man Thomas aufgrund seiner Behinderung keine besondere Stellung geben muss. Wenn die Großmutter Thomas behandelt, als wäre er erst 2 Jahre alt und nicht schon 18 Jahre und meint, „der Arme kann sich ja nicht wehren!“, dann ist es Michael, der sofort klarstellt: “Was heißt hier arm, er kann sich genauso wehren, halt auf seine Art und Weise!“.
Geschwister machen schon auf sich aufmerksam, wenn man sie im Bemühen um das behinderte Kind „vergisst“, und das ist auch gut so.
Es ist eine besondere Herausforderung für die Eltern, dem behinderten Kind, das ja mehr Unterstützungsbedarf hat, trotzdem keine besondere Stellung in der Familie zu geben. Man tendiert dazu, dem nicht behinderten Kind mehr zuzutrauen und ihm auch eine größere Eigenverantwortung zuzumuten. Ich glaube, damit muss man sehr achtsam und sorgsam umgehen.

Michael hat dann auch immer seinen Teil eingefordert. Er ist zum Beispiel in der Schule recht gut, macht selbständig seine Arbeiten. Trotzdem wollte er für einen Test abgeprüft werden und hat darauf bestanden – nach dem Motto: Der Thomas bekommt in anderen Belangen Eure Aufmerksamkeit, und hier möchte ich Eure Zeit haben!
Ich kann mich noch erinnern, als Michael als Kleinkind einmal fragte: „Mama, wen hast Du lieber, den Thomas oder mich?“
Zum Glück hatten wir in dieser Zeit Meerschweinchen bekommen und ich habe ihm die Frage zurückgegeben: „Wen hast Du lieber?“ – Seine Antwort war: „Na beide!“ und ich sagte: „Siehst Du, und so ist das bei mir auch!“. Irgendwie hat er dann selber gespürt, wie das ist mit verschiedenen Kindern, und dass die Eltern keines lieber haben müssen als das andere.

Thomas und Michael sind einfach ganz verschiedene Persönlichkeiten, und das unabhängig davon, dass Thomas eine Behinderung hat. Thomas ist ein Beobachter – ihm fallen viele Details auf, die wir nicht bemerken. Dafür wird er von Michael sehr geschätzt: „Dem Thomas fällt das sofort auf!“
Michael hingegen ist eher der Denker, das allerdings wird von Thomas nicht so geschätzt, denn manchmal reagiert Michael dann ungeduldig ihm gegenüber: „Schon hundert Mal hab ich Dir das gesagt und Du kapierst das noch immer nicht!“
Ich habe das Gefühl, dass Thomas in der jetzigen Phase nach Gemeinsamkeiten mit seinem Bruder sucht. Und sie haben auch wieder etwas gefunden, was sie verbindet: Sie spielen mit Leidenschaft gemeinsam in der Wohnung mit dem Stoff-Fußball – nicht immer zu meiner eigenen Freude. Sie haben sozusagen ein Spiel gefunden, das ihrem Alter entspricht.
Thomas geht seit kurzem auch in einen Fußballklub, wofür er von Michael großen Respekt entgegengebracht bekommt: „Ich hätte mir nicht gedacht, Mama, dass er das kann!“

Die Stellung des Älteren der Geschwister macht es für Thomas auf jeden Fall einfacher und ich achte auch ganz bewusst darauf, dass er seiner Stellung gemäß behandelt wird. So darf er zum Beispiel länger aufbleiben oder auch mehr fernsehen, als sein kleiner Bruder. Wenn Thomas von Michael einmal recht geärgert wird, kann es schon vorkommen, dass er mich am Ärmel zupft und vertraulich-seufzend zu mir meint: „Gell Mama, kleiner Bruder!“.

Wir achten auch darauf, dass beide Söhne ihre „Einzelzeit“ mit uns Eltern verbringen können, wo es dann ganz allein nach ihren Bedürfnissen geht. Hier steht mir mein Mann wirklich sehr unterstützend zur Seite.
Von der „Außenwelt“ ist es nicht immer so selbstverständlich, dass ich mich bemühe, meine Söhne „gleich“ zu behandeln oder Michael sich seinem Bruder gegenüber so verhält, wie man sich eben einem „normalen Bruder“ gegenüber verhält.
Die Großmutter erwartet von Michael Rücksichtnahme auf den behinderten Bruder, am besten sollte er sich ein Leben lang um ihn kümmern. Thomas weiß diese Rolle bei der Großmutter gut und ganz bewusst zu nutzen – bei ihr lässt er sich dann bedienen und bemuttern wie ein Kleinkind.
Michaels Freunde, die er schon seit der Volksschule hat, gehen ganz normal mit Thomas um. Er ist so wie er ist und ist der Bruder ihres Freundes.

Ingrid Konczer, Vorstandsmitglied der Lebenshilfe Wien

November 2005