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Gunnar Dybwad, Vorkämpfer für Rechte,

Vergangenen Donnerstag früh, am 13. September 2001, ist Gunnar Dybwad, Professor Emeritus der Brandeis University, nach einem schweren Sturz im 93. Lebensjahr gestorben. Menschen mit geistiger Behinderung, ihre Familien, Freunde und Mitstreiter haben mit Gunnar Dybwad einen Freund und Verbündeten verloren, der in seinem unerschöpflichen Vertrauen an die Fähigkeiten von Menschen und ihren Möglichkeiten zur Entwicklung auch Entwicklungen ging er als erster einem langen, schwierigen Weg beharrlich voran und machte Menschen rund um den Globus den Mut, das Ziel zu einem menschenwürdigen, selbstbestimmten Leben zu verfolgen.

 

Kontakt zu den Eltern der Lebenshilfe in Österreich hatten Gunnar und seine 1992 verstorbene Frau und Mitstreiterin Rosemary Dybwad schon Anfang der 60er Jahre, als Gunnar Dybwad die International Child Welfare Union mit Sitz in Genf leitete. 1978 war er Programmchef des in Wien abgehaltenen 7. Weltkongresses der Internationalen Liga von Vereinigungen für Menschen mit geistiger Behinderung (ILSMH, heute Inclusion International). Seine Visionen zur Selbstbestimmung gerade auch von Menschen mit schwerer geistiger Behinderung waren auch für die Lebenshilfe Wien und Österreich immer ein Leitbild.

 

Gunnar und Rosemary Dybwad haben ihr Lebenswerk in den Dienst von Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung gestellt. Am 12. Juli 1909 in Leipzig als Sohn einer norwegischen Familie geboren, promovierte Dybwad als Jurist über den Strafvollzug. Mit seiner Frau Rosemary Ferguson, Soziologin, Sozialarbeiterin und US-Staatsbürgerin, zog er im Dezember 1933 in die USA, ohne seine internationale Orientierung aufzugeben.

Bei seiner Tätigkeit im Strafvollzug wurde er auf die Probleme von Jugendlichen mit Lern- und geistigen Behinderungen aufmerksam, die aufgrund ihrer Behinderung mit dem Gesetz in Konflikt kamen, ohne dass Gerichte dies erkannten. Seine weitere Arbeit führte ihn über die Jugendwohlfahrt schließlich 1957 zur NARC (heute National Association for Retarded Citizens, als Elternorganisation eine Schwestervereinigung der Lebenshilfe), deren Geschäftsführer er von 1957 bis 1963 war. Es folgten Jahre als Generalsekretär der International Child Welfare Union, einer internationalen Jugendwohlfahrtsagentur im Bereich der UNO. 1966 schließlich wurde er als Professor für menschliche Entwicklung der Heller School of Social Research der renommierten Ostküsten-Universität Brandeis bei Boston berufen; Anfang der 80er Jahre emeritierte er. Parallel dazu unterrichtete Dybwad Sonderpädagogik an der Universität Syracuse, New York, die für ihre integrative Pädagogik und gesellschaftspolitische Arbeit bekannt ist.

Internationale Vorkämpfer
Bekannt und geschätzt wurden die Dybwads für ihr rastloses internationales Engagement, das sie zu Familien und Selbsthilfeorganisationen in aller Welt führten. Daraus entstand ein reiches Netz an Kontakten und Erfahrungsaustausch, aus dem bis heute nachhaltige Impulse bei der Entwicklung von integrativen Hilfen für Menschen mit geistiger Behinderung entstanden. Anfang der 60er Jahre waren die Dybwads wesentlich an der Gründung von Inclusion International beteiligt, damals Internationale Liga von Vereinigungen für Menschen mit geistiger Behinderung. Beide dienten über Jahrzehnte im Vorstand und in Komitees der ILSMH. Während seiner Präsidentschaft von 1978 bis 1982 verankerte Gunnar Dybwad vor allem die Bedeutung der Selbstbestimmung (Self Advocacy) behinderter Personen in Zielsetzung und Tätigkeit der ILSMH.

Die Pionierarbeit der Dybwads war entscheidend, um öffentliches Bewusstsein über die grobe Vernachlässigung von Menschen mit geistiger Behinderung zu schaffen, die bis zu Misshandlung reichte. Dass sie dabei ein entscheidender Impulsgeber für Veränderungen waren, zeigte auch ihre Arbeit für den 1978 in Wien von der Lebenshilfe organisierten Weltkongress der ILSMH zum Thema "Entscheidungen". Immer einige Schritte ihrer Zeit voraus (so auch der Titel eines vor zwei Jahren erschienen Sammelbandes mit Auszügen aus Dybwads Arbeiten, "Ahead of His Times"), bestand Gunnar Dybwad als Programmvorsitzender an der Teilnahme einer Delegation von Teilnehmern mit geistiger Behinderung -- ungewohnt und vielfach auch unverstanden in einer Zeit, die ausschließlich von Eltern und Experten bestimmt war.

 

Die Initiative führte zur Verankerung der Vertretung geistig behinderter Menschen in der Arbeit der ILSMH, in der Folge auch zur Vertretung auf nationaler und regionaler Ebene in den Mitgliedsorganisationen wie der Lebenshilfe. Wie revolutionär dieses Denken zu seiner Zeit war, zeigte unter anderem die erfolgreiche Tagung "Horcht, was ich will" der Lebenshilfe Österreich 20 Jahre danach, im Herbst 1998, bei der in erster Linie behinderte Menschen selbst die Themen der Diskussion bestimmten.

Neben seinem unermüdlichen Einsatz für Selbstbestimmung war Dybwads Arbeit an zwei Fronten maßgeblich: Beim Kampf für die Rechte aller Kinder mit Behinderungen, auch schwersten, auf Zugang zu Bildung an allgemeinen Schulen; sowie in der Auflösung der großen Anstalten zugunsten gemeindenahen Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten. In beiden Bereichen stand Gunnar Dybwad an vorderster Front der gesellschaftspolitischen und fachlichen Auseinandersetzung in den USA seit den 70er Jahren.

Dabei schlugen Dybwad und seine Mitstreiter einen Weg ein, der heute zunehmend auch in Europa als Mittel für effektive Gleichstellungsgesetze gesehen wird: Der individuellen Klage vor den Gerichten auf selbstbestimmte, integrierte Sozialdienste. Ein Schulfall in Pennsylvania, sowie Klagen gegen zwei große Anstalten in Wyatt, Alabama, und Pennhurst, Pennsylvania, wurde zu definierenden Ereignissen der US-Bürgerrechtsbewegung für Menschen mit geistiger Behinderung. In diesen und späteren Verfahren kam Dybwad die Schlüsselrolle eines gerichtlichen Sachverständigen zu. Indirekt entwickelte sich aus diesen Anlässen entsprechende Gesetzgebung im Schulbereiche sowie der Americans with Disabilities Act, das US-Gleichstellungsgesetz für behinderte Bürger.

Ein Aufruf zu Optimismus
Zu seinem 90. Geburtstag vor zwei Jahren bilanzierte Gunnar Dybwad selbst diese Entwicklungen so: "Ich bin ein großer Optimist. Wenn man wie ich eine so große Zeitspanne verfolgen konnte, sieht man welche enormen Fortschritte wir von den riesigen Anstalten und der Missachtung behinderter Menschen hin zu ihrer Selbstbestimmung gemacht haben."

Als er vergangene Woche an den Folgen eines schweren Sturzes starb, hatte die Welt nach den erschütternden Terroranschlägen und dem unverständlichen Tod tausender Menschen in New York und Washington allen Grund, diesen Optimismus nicht mehr zu teilen. Mittwoch Nachmittag nahm Gunnar Dybwad in einem Freundeskreis, der ihm beistand, nochmals seine Kraft zusammen und sprach darüber wie oft die Menschen dieser Welt in gemeinsamer Anstrengung zusammen fanden, um eine bessere Welt aufzubauen.

Gunnar Dybwad verabschiedete sich mit ungebrochener Zuversicht von dieser Welt, in der er so viele Freundeskreise stiftete. Jetzt liegt es an uns, diese Zuversicht weiter zu tragen.

lhw 16-09-01