Übergang Schule - Beruf Ein gutes Beispiel für eine gelungene Umsetzung in der heiklen Übergangsphase von Schule zu Beruf stellte Birgit Werle mit dem Projekt „Spagat“ vor. Hier werden rund um den behinderten Jugendlichen sog. „Unterstützungskreise“ gebildet, die sich aus Eltern, Familie, Lehrer, Therapeuten, Freunde und Nachbarn zusammensetzen. Dieser Kreis von Personen, die eine bedeutende Rolle im Leben des Jugendlichen spielen, trifft sich regelmäßig gemeinsam mit dem Jugendlichen selbst und plant und begleitet mit dem Spagat-Berater den beruflichen Werdegang. Der Spagat-Berater sucht und vermittelt geeignete Betriebe und bemüht sich, eine Wochenstruktur aufzubauen. Wesentlich für das Gelingen der beruflichen Integration ist die Ernennung eines innerbetrieblichen Mentors, der den Jugendlichen im Arbeitsalltag unterstützt und begleitet, aber auch auf die anderen Kollegen konstruktiv einwirken kann. Auf Basis des Projekts Spagat konnten in Vorarlberg seit 1997 ca. 120 Arbeitsplätze am ersten Arbeitsmarkt geschaffen werden, darunter auch für schwer behinderte Jugendliche. Das Land Vorarlberg übernimmt den größten Teil der Kosten. Das Modell wurde bereits auch in Südtirol und in Teilen Tirols übernommen. Gelungene Beispiele aus dem Schulbereich Ebenfalls aus der Praxis berichtete Renate Hetzner aus Berlin, diesmal aus dem Schulbereich. Die Sonderpädagogin durfte Stefanie durch ihren gesamten Schulweg begleiten, ein Mädchen mit schwerer Mehrfachbehinderung. Obwohl es selbst im Rollstuhl nur für kurze Zeit sitzen konnte und vermutlich auch kaum hören konnte, wurde es die ganze Schulzeit lang in den Schulbetrieb integriert (Fläming-Grundschule, Sophie-Scholl-Oberschule). Was in der Grundschule vor allem mit dem Engagement der LehrerInnen, der MitschülerInnen und der Eltern klappte, war in der Oberschule mit seinen vielen Einzelfächern vor allem eine organisatorische Herausforderung, die aber bewältigt werden konnte. So hatte Stefanie inmitten der Klasse eine Liegemöglichkeit in Augenhöhe, um das Geschehen mitverfolgen zu können. Eine Mitschülerin hat z.B., während sie selbst den Mathematik-Unterricht verfolgte, Stefanie die Zehen aufgewärmt und massiert (wie überhaupt PhysiotherapeutInnen auch während des Unterrichts Übungen mit Stefanie gemacht haben, um den Kreislauf ihres beinahe bewegungsunfähigen Körpers in Schwung zu halten). Bei jeder anschaulichen Gruppen-Aufgabe innerhalb der Klasse war Stefanie immer „hautnah“ dabei. Zusammenfassend lässt sich sagen: wenn das Konzept und die Führung der übergeordneten Organisation (im Wesentlichen Schule) „stimmen“ und alle Beteiligten innerhalb der Klasse den Gedanken des bedingungslosen Miteinanders akzeptieren, dann lassen sich alle SchülerInnen mit Behinderungen in den Schulunterricht integrieren, und seien diese noch so schwer. Erfahrungsberichte und spannende Vorträge Neben sehr beeindruckenden und berührenden Erfahrungsberichten aus der psychoanalytischen Sicht (Dr. Dietmut Niedecken über einen Down-Syndrom-Jugendlichen, der, zuerst schwer verhaltensauffällig, von der Umgebung „normalisiert“ wird, sowie Mag. Renate Doppel über die Geschichte einer Mutter aus tristesten sozialen Verhältnissen, die ein schwer mehrfach behindertes Kind zur Welt bringt) muss noch der ausgezeichnete und fundierte Vortrag von Dr. Marianne Wilhelm hervorgehoben werden: In ihrem Vortrag berührte die ausgebildete Sonder- und Heilpädagogin Wilhelm sowohl die Erfolge und Verbesserungspotentiale der aktuellen Situation der Schulintegration in Österreich, als auch die grundsätzliche Denkweise, die eine erfolgreiche „inklusive Pädagogik“ erst ermöglicht. „Wir brauchen keine Sonderschule, sondern die „besondere“ Schule“, betonte sie. In dieser Schule werden alle Kinder gemeinsam unterrichtet und individuell gefördert, da es „Normal ist, verschieden zu sein“. Auch sie konnte aber nicht verhehlen, dass die aktuelle Situation an Österreichs Schulen trotz einiger Erfolgsbeispiele noch immer von Defizit-Orientierung, Diskriminierung und Separatismus geprägt ist. Sie erhofft sich daher eine wiedererstarkte Elternbewegung, um der zum Teil „katastrophalen Entwicklung des Schulsystems“ entgegenzuwirken. Der Tagungsbericht wird ab Ende Dezember erhältlich sein und kann bei der Caritas der Erzdiözese Wien, Tel. 01/87812-332 (Frau Ziegler) bestellt werden.
23. November 2006 / lhw BS Hier können Sie einen Kommentar zum Beitrag abgeben: |
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