Nicht nur das Kind lernt in den ersten Lebensjahren viel dazu: Auch seine Eltern tun das. Das gilt wohl für alle Kinder, gleich ob behindert oder nicht. Im Falle eines Kindes mit einer geistigen Behinderung hängt vom Dazulernen der Eltern vielleicht mehr ab als sonst.
"Mache ich alles richtig?" "Tue ich alles, was möglich ist?" Diese Fragen verfolgen Eltern im Umgang und der Erziehung mit ihrem Kind regelrecht; sie können ein Übermaß an Sorge, aber auch berechtigtes Nachdenken über den Alltag ausdrücken. Vor allem wenn es darum geht, mit der Behinderung eines Kindes zurecht zu kommen, verstärken sich oft diese natürlichen Sorgen, weil die Vergleiche fehlen oder unpassend erscheinen.
"Bin ich zu streng? Bin ich zu nachgiebig?" - "Soll ich unser Kind an mich nehmen, wenn es schreit? Soll ich unser Kind schreien lassen?" - "Ist Barbara zu oft der Mittelpunkt unserer Familie?" - "Wird mein behindertes Kind zu oft beiseite gelassen?" Viele, viele Fragen im Leben mit (behinderten) Kindern, und es gibt keine allgemeingültigen Antworten. Alle Fragen werden immer wieder neu gestellt und geprüft werden. Eltern behinderter Kinder lernen durch Erfolg - und durch Misserfolg. Vertrauen Sie ruhig bei Ihren Entscheidungen Ihrem Hausverstand und wenden Sie die Regeln an, die Sie auch bei Ihren anderen Kindern anwenden, oder die Sie für richtig halten.
Gemeinsame Sache
Und wie bei allen Kindern ist Kindererziehung eine gemeinsame Sache. Vielleicht ist die Gefahr groß, durch den besonderen Unterstützungsbedarf eines behinderten Kindes in Rollenverteilungen zu geraten, die auf Dauer einen Elternteil überlasten. Auch hier kann der Kontakt mit anderen Eltern behinderter Kinder helfen. "Der Vergleich macht Sie sicher", auf jeden Fall hilft er, die eigene Situation aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und für manche Dinge vielleicht einen neuen, hilfreichen Zugang zu finden. Und natürlich kann auch der Rat von Fachleuten, zu denen Sie Vertrauen haben, eine wertvolle Stütze sein.
Das Leben mit einem Kind mit Behinderung ist aber nicht nur Mühsal, auch wenn es manchmal so dargestellt wird (oder vielleicht durch unseren Ratgeber streckenweise so klingt - aber das hat damit zu tun, dass wir uns den besonderen Herausforderungen zuwenden).
Sehr oft wird die Freude am Miteinander und den Entwicklungsfortschritten Sie für die Mühen entlohnen. Und wer kann schon sagen, dass nicht jedes Kind in bestimmten Phasen Vater, Mutter, Geschwister und Freunde der Familie über die Maßen fordern kann?
Umso mehr Freude bereiten die kleinen Lernerfolge: Wenn z.B. ein Kind lernt, sich aufzusetzen, was auch durch die Erweiterung seines Blickwinkels ein riesiger geistiger Schritt ist. Wenn ein Kind zu krabbeln beginnt und eine ganz neue Umwelt endecken kann. Wenn ein Kind erst einmal gehen kann.
Meilensteine gebührend feiern
Bei anderen Kindern werden diese Entwicklungsschritte vollkommen selbstverständlich hingenommen. Bei unseren behinderten Kindern sind sie echte Meilensteine im Leben der Familie, die es verdienen, gefeiert zu werden. Die kleinen täglichen Freuden hören nicht mit den frühen Kindheitsjahren auf. Später ist es vielleicht der Tag, an dem Ihr Sohn oder Ihre Tochter zum ersten Mal mit einem öffentlichen Verkehrsmittel in die Schule fahren kann, seinen Namen schreiben kann, ein bisschen Geld für einen Wunsch gespart hat.