Psychiatrieausgliederung – Wohnhauseingliederung | 1 2 3 4 5 |
Ich bin seit 1982 für die Lebenshilfe Wien tätig und das Projekt „Psychiatrieausgliederung“ stellte für mich eine besondere Herausforderung dar. Die KlientInnen drücken sich hauptsächlich nonverbal aus, sind sehr pflegeintensiv und lebten lange Zeit im Psychiatrischen Krankenhaus.
Für dieses Projekt bedurfte es einer guten und genauen Vorbereitung:
- Was das Haus betraf, so wurde behindertengerecht, rollstuhlgerecht und vorausschauend gebaut und eingerichtet. Wir brauchten viele techn. Hilfsmittel, einen Lift, spezielle Sanitär- und Pflegeeinrichtungen und Personal rund um die Uhr.
- Spezielle Dienstzeiten für das Betreuungspersonal mussten erarbeitet werden.
- Alle Mitarbeiter hatten eine lange Vorlaufzeit, Einschulungen etc.
„Vorlaufzeit“ bedeutete:
- Bildung des MitarbeiterInnenteams und Teamfindung
- Kontaktaufnahme zu den KlientInnen (PKH)
- Info-Austausch mit MItarbeiterInnen aus PKH und Werkstatt
- Gemeinsamer Einzugasplan (z.B. mit einzelnen KlientInnen schon das Wohnhaus besuchen, sanfter Übergang, Einzugstermine festlegen)
- Elterninformation bzw. Elterngespräche
- Kriseninterventionspläne erarbeiten (Ressourcen innerhalb des Trägers)
- Externe Unterstützung finden (Konsiliarpsychiater, PsychotherapeutInnen, Psychosozialer Dienst)
Unser Kontakt zum Psychiatrischen Krankenhaus (PKH)
Die KlientInnen wurden regelmäßig von uns am Wochenende im PKH besucht, ungefähr 3 Monate vor dem Einzug in die Pronaygasse beginnend. Uns war wichtig, dass sich die KlientInnen an unsere Gesichter gewöhnen und dadurch langsam gegenseitiges Vertrauen gewonnen werden kann. Da sich der Einzug verzögerte, weil das Haus noch nicht fertig war, mussten die Klienten innerhalb des PKH`s noch einmal umgesiedelt werden. Sie wurden auf die Pavillons 19 und 21 verteilt, das war für die Klienten sicher nicht einfach. Trotzdem mussten wir davon ausgehen, dass für die Klienten das PKH auch Heimat war und ihnen ihre gewohnte Umgebung fehlen würde. Auch die Einzelzimmer in unserem Wohnhaus würden anfangs für viele Klienten ungewohnt sein, da sie immer in Mehrbettzimmern geschlafen hatten.
Wir versuchten, für eine sinnvolle Dienstplangestaltung einen Erfahrungsbericht zur Ermittlung des Pflegebedarf im Zuge der PKH-Ausgliederung für jeden Klienten zu erstellen. MitarbeiterInnen des Betreuungsteams waren zu unterschiedlichen Zeiten am PKH, um den genauen Tagesablauf und die Gewohnheiten der Klienten kennenzulernen, einzuschätzen, wie hoch der Pflegeaufwand sein wird und wie das jeweilige Zimmer des Klienten aussieht. Das alles erachteten wir als wichtige Informationen, auf die wir im neuen Wohnhaus Rücksicht nehmen wollten, um den Umzug für die Klienten zu erleichtern.
Am Anfang war es wichtig, soviel gewohnte Strukturen wie möglich beizubehalten, weil es den Klienten Sicherheit gab und sie sich dadurch auch leichter zurechtfinden sollten. Nach einer Eingewöhnungsphase konnte dann an eine individuelle Entwicklungsplanung herangegangen werden.
Einzug in die Pronaygasse
Am 6. Oktober 2000 sind die ersten Klienten vom PKH in das Wohnhaus Pronaygasse eingezogen.
Wir holten die Klienten mit zwei Bussen ab – ein Bus hätte allerdings ausgereicht, da jeder Klient nur einige Säcke Wäsche als „Hab und Gut“ mitbrachte.
Wir teilten den Klienten mit, dass dieser Abschied ein endgültiger sei, machten auch noch Fotos zur Erinnerung für die Klienten. Sie waren bei der Abfahrt sehr nervös – ein Mann schrie immer wieder sehr laut, ein anderen machte einen sehr angespannten und traurigen Eindruck. Einer der Klienten wurde von seiner Psychologin, die ihm schon länger bekannt und vertraut war, beim Übersiedeln begleitet, was für uns eine angenehme Unterstützung darstellte.
In der Pronaygasse angekommen, brachten wir die Klienten ins Wohnzimmer und boten ihnen zuerst einmal Kaffee und Kuchen an. Schon sehr bald nahm ein Klient meine Hand und wollte einfach herumgehen und sich offenbar umsehen, besonders die Tür in den Garten interessierte ihn sehr. Er schaute hinaus und ich sagte ihm, er könne rausgehen, wenn er wolle, die Tür sei nicht abgesperrt. Es dauerte einige Zeit, bis er die Türklinke berührte. Ich nahm an, dass ihm der Mechanismus nicht bekannt sei und öffnete dann mit ihm gemeinsam die Tür, er aber machte sie sofort wieder zu. Dann versuchte er immer wieder die Tür zu öffnen, jedes Mal ein Stück mehr, bis er im Garten war.
Für mich war das ein sehr schönes Erlebnis zu sehen, wie der Klient lernte, ein Stück „Freiheit“ für sich in Anspruch zu nehmen, wie er bemerkte, dass er allein hinausgehen darf, dann wenn er es möchte. Das war im PKH nicht möglich.
Im Nachhinein muss ich sagen, dass uns die gründliche Vorbereitung sicher viele Probleme erspart hatte. Womit wir aber nicht gerechnet hatten, waren die vielen Medikamente, die nun sehr schwer außerhalb des Krankenhauses zu beschaffen waren und oft chefärztlich abgelehnt wurden mit der Begründung, die Krankenkasse übernähme die Kosten nicht. Wir fanden aber auch hier Lösungen in Zusammenarbeit mit ÄrztInnen, um den Klienten eine vorzeitige Medikamentenumstellung in der Eingewöhnungsphase zu ersparen.
5 Jahre sind seither vergangen
Die Zeit ist unglaublich schnell vergangen. Ich habe in diesem Haus schon viele Höhen und Tiefen miterlebt. Dieses Haus ist und war in vielen Situationen eine Herausforderung. Es ist schön, aufregend, anstrengend, lustvoll, erfordert viel Wachsamkeit, genaue Beobachtungsgabe und oft auch viel Geschick, um dieses Schiff „Pronaygasse“ auf sicherem Kurs zu halten.
Es hat sich in den wenigen Jahren viel verändert: Betreuer sind gekommen und gegangen. Einige sind noch vom Anfang an dabei. In letzter Zeit ist das Betreuungsteam sehr stabil. Neben all den Problemen, mit denen wir kämpfen, habe ich das Gefühl, wir sind auch mit sehr viel Herz du Spaß bei der Arbeit und das hat auch Auswirkungen.
Bei den BewohnerInnen hat sich allerhand getan, abgesehen von den einzelnen Entwicklungsschritten und Veränderungen, die sehr deutlich zu sehen sind. Vor kurzem hat mir jemand gesagt, dass die BewohnerInnen, die vom Psychiatrischen Krankenhaus gekommen sind, anders aussehen: Ihr Gesichtsausdruck habe sich verändert, sie wirken irgendwie lebensfroher, ihre Persönlichkeit sei stärker spürbar. Wenn ich darüber nachdenke, kann ich sagen, dass ich das bei allen BewohnerInnen bestätigen kann. Es liegt sicher auch daran, dass wir zueinander eine gute Beziehung aufgebaut haben und wir uns daher auch schon gut kennen.
Wenn ich auf 5 Jahre zurückblicke, kann ich wirklich sagen, ich freue mich, dass sich die Menschen, die so lange Zeit im Psychiatrischen Krankenhaus gelebt haben, so gut an die neue kleine Umgebung gewöhnt haben und ihr Leben heute um vieles persönlicher und individueller gestalten können.
Es ist eine lebendige und ständige Veränderung.
6. Dezember 2005 / lhw Elfriede Mayer-Höber

