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US-Ethiker halten Wahl zwischen Mädchen oder Buben akzeptabel

Kinder nach Wahl aus der Retorte: Dieser Möglichkeit aus einem schlechten Science Fiction Roman kommt die unheilvolle Kombination aus künstlicher Befruchtung und Humangenetik immer näher. Jetzt sorgt der Brief des Vorsitzenden der Ethikkommission der Amerikanischen Gesellschaft für reproduktive Medizin für Aufregung: Es sei "unter bestimmten Umständen" akzeptabel, wenn einem Paar die Wahl über das Geschlecht seines Kindes eingeräumt würde. Vor der Einsetzung eines künstlich befruchteten Embryos sollen demnach die künftigen Eltern zwischen einem männlichen oder weiblichen Embryo wählen können, während der Rest "entsorgt" wird.

 

Die Amerikanische Gesellschaft für reproduktive Medizin ist ein Gremium, das in ethischen Fragen Standpunkte festlegt, an denen sich die meisten US-Kliniken orientieren und die in der Folge im Rahmen internationaler Entwicklungen auch Einfluss auf die Praxis anderer Länder haben. Die jüngste Positionserklärung der Gesellschaft zur Fragen der Geschlechterwahl wurde rasch von einem Spezialisten für Fertilitätsfragen aufgegriffen. Dr. Norbert Gleicher, dessen Spitalsgruppe neun Zentren für In-Vitro-Fertilisation unterhält und die sich um eine Klarstellung an die Gesellschaft wandte, erklärte prompt, dass "wir dies sofort unseren Patienten anbieten werden. Wir haben eine lange Liste von Patienten, die dies von uns wünschen."

Demnach müssen Paare sich zunächst einer In-Vitro-Befruchtung (Befruchtung einer Eizelle durch männlichen Samen im Labor) unterziehen; wenige Tage danach werden die Embryos, die gerade aus acht Zellen bestehen, einer Geschlechtsbestimmung unterzogen.

Er habe diesen Standpunkt aufgrund der Anfrage von Gleicher "präzisiert", erklärte der Vorsitzende des Ethikkomitees der Gesellschaft für reproduktive Medizin Dr. John Robertson, ein Ethiker und Anwalt an der Universität von Texas. Der Brief sei nach Konsultation mit anderen Mitgliedern des Komitees entstanden und würde dem Standpunkt des Gremiums entsprechen, erklärte Robertson gegenüber der New York Times Ende September. Ursprünglich hätte das Thema bei einer Sitzung im September besprochen werden sollen, die jedoch aufgrund der Terroranschläge auf New York und Washington abgesagt wurde. Der Brief soll von der Gruppe nunmehr in einer Sitzung im Jänner besprochen werden.

Zur Beschreibung der Umstände, unter denen die Wahl des Geschlechtes ethisch vertretbar sei, verwendete Robertson den Begriff "Geschlechtsvielfalt". Damit bezieht sich der Jurist auf ein Paar, dass bereits ein Kind hat und das sich nunmehr ein Kind des anderen Geschlechts wünscht. In diesem Fall könnte dem Paar die Wahl angeboten werden, vorausgesetzt "es gibt guten Grund zur Annahme, dass das Paar voll über die Risiken des Verfahrens informiert und über unrealistische Erwartungen des Verhaltens von Kindern des bevorzugten Geschlechts beraten wurden".

In einem früheren Statement des Jahres 1999 hatte die Ethikkommission davon abgeraten und empfohlen, dass die Auswahl von Embryos ausschließlich nach Gesichtspunkten des Geschlechtes "entmutigt werden soll".

 

Heftige Kritik

Die Erklärung hat viele Mediziner und führende Reproduktionsspezialisten in den USA vor den Kopf gestoßen und teils heftige Kritik ausgelöst. "Geschlechterauswahl ist Geschlechterdiskriminierung und das kann ich nicht für ethisch richtiges Verhalten befinden", sagte der designierte Präsident der Gesellschaft für unterstützte Reproduktionstechnologie Dr. James Grifo.

"Was kommt als nächstes?", fragt Dr. William Schoolcraft des Colorado Center for Reproductive Medicine. "In dem Maß wie wir mehr über genetische Zusammenhänge herausfinden, werden wir Kids zurückweisen die keine herausragende Intelligenz haben oder die nicht die richtige Haar- oder Augenfarbe haben?"

Die genetische Präimplantationsdiagnose genannte Methode zum genetischen Screening existiert seit rund einem Jahrzehnt und war bisher fast ausschließlich für Paare bestimmt, bei deren Kinder mit einem genetischen Risiko gerechnet wurde. Ärzte können mit diesem Verfahren die Embryos in Hinblick auf bestimmte Erkrankungen oder Behinderungen genetisch prüfen, bevor sie die Embryos in den Uterus implantierten. Aber es war immer offenkundig, dass dieselbe Methode leicht zur Bestimmung des Geschlechts eines Embryos benutzt werden kann. Die Feststellung ob ein Embryo männlich und daher über je ein X- und Y-Chromosom verfügt, oder ob es ein weiblicher Embryo mit zwei X-Chromosomen ist, ist vergleichsweise wesentlich einfacher als die Suche nach genetischen Defekten. "Wir sind dazu verpflichtet, konservativ und vorsichtig vorzugehen", sagt Schoolcraft. "Es ist unsere Verpflichtung diese Technologien nicht zu missbrauchen."

lhw 04-10.01