Das US Gesetz zur Gleichstellung behinderter Bürger, der "Americans with Disabilities Act" (ADA), gibt behinderten Personen ein sehr effizientes Instrument in die Hand, um gegen die alltägliche Diskriminierung praktisch vorzugehen. Kein Wunderwerk, das über Nacht vom Himmel der Gesetzgebung gefallen ist, sondern die logische Zusammenfassung jahrzehntelanger Bemühungen und vorangegangener Einzelgesetze.
Petra Flieger sprach mit der US-Aktivistin Marilyn Golden bei einem Wienbesuch über die Erfahrungen mit dem ADA.
Der "Americans with Disabilities Act" ist auch in Europa bekannt ist und wird in Diskussionen oft als beispielgebend angeführt. Was unterscheidet das ADA von jenen Gesetzen zur Gleichstellung von Personen mit Behinderung, die es in den USA vor 1990 gab, als das ADA in Kraft trat?
Das ADA ist nicht wirklich anders als die Gesetze, die es davor gab, es beinhaltet dieselbe Philosophie. Diese lautet, dass es für die Vereinigten Staaten die richtige Politik ist, Bedingungen für die volle Integration von BürgerInnen mit Behinderung zu schaffen. Wie Personen ohne Behinderung sollen sie gleichberechtigt an allen Gesellschaftsbereichen teilhaben können.
Das ADA unterscheidet sich von ähnlichen Gesetzen dadurch, dass es andere Bereiche abdeckt. Frühere Gesetze betrafen den Wirkungsbereich der Bundesregierung sowie Organisationen, die Gelder von der Bundesregierung erhielten, darüber hinaus die Bereiche Bildung, Wohnen und Flugreisen. Das ADA füllte sozusagen die Lücken, es betrifft den Wirkungsbereich der einzelnen Regierungen in den Bundesstaaten sowie der örtlichen Regierungen. Es bezieht sich auf die Bereiche Arbeit und Transport sowie öffentliche Plätze, die von privaten Unternehmern geführt werden, etwa Geschäfte, Restaurants, Arztpraxen oder Vergnügungsparks. Einen eigenen Schwerpunkt bildet Telekommunikation für Personen mit Hörbehinderung.
Wie habt ihr es geschafft, das ADA durchzusetzen?
Die Bemühungen der Behindertenbewegung um Gleichstellung dauern insgesamt nun schon über 25 Jahre. Das ADA bauten wir auf bestehende Gesetze auf, doch um es konkret durchzusetzen, waren riesige Kampagnen erforderlich. Wir schrieben Briefe, telefonierten mit der Bundesregierung, und viele von uns kamen aus dem ganzen Land nach Washington DC, um direkt Druck auf ihre Abgeordneten im Kongress zu machen. Ich selbst verbrachte 8 Monate in Washington, als der Kongress das ADA behandelte. Damals begleitete ich das Gesetz von Komitee zu Komitee, informierte Abgeordnete darüber und organisierte die Behindertenbewegung für die gezielte Unterstützung unseres Lobbyings. Außerdem war ich mit der Politik darüber, was das Gesetz eigentlich beinhalten sollte, befasst.
Welche Strategie innerhalb der Behindertenbewegung war für den Erfolg entscheidend?
Das wichtigste war die innere Geschlossenheit. Leute mit verschiedenen Formen von Behinderung arbeiteten zusammen. Personen mit AIDS, mit geistiger Behinderung, mit Körper- oder Sinnesbehinderung ebenso wie Leute mit Diabetes oder Epilepsie. Unterstützung erhielten wir von Kirchen und von Gewerkschaften. Ganz wichtig war, dass sich andere Bürgerrechtsbewegungen für unser Anliegen einsetzten, z.B. Organisationen von Schwarzen, von Frauen und von Homosexuellen.
Sie haben euch unterstützt und nicht dreingeredet?
Ja, und keinesfalls nur aus Nächstenliebe, denn Personen mit Behinderung haben sich auch für Gesetze engagiert, die diesen Gruppen nützen. Für uns war es entscheidend, in der Öffentlichkeit das Bewusstsein zu schaffen, dass auch wir, Personen mit Behinderung, die gesellschaftliche Gleichstellung fordern, eine Bürgerrechtsbewegung darstellen.
lhw 23-8-99