Kaum zu glauben, dass es im Jahr 2007 einen neu gestalteten und vom Unterrichtsministerium als geeignet erklärten Schulbehelf zum Thema "Genetik des Menschen" mit grauenhaften Darstellungen von Menschen mit Behinderungen geben darf.
Mit entwürdigenden Schwarz-Weiß-Bildern behinderter Menschen, die aus den Lehrbüchern des "lebensunwerten Lebens" entnommen sein könnten, will ein neuer Unterrichtsbehelf vom Linzer Genetiker Markus Hengstschläger über die "Genetik des Menschen" informieren. Aber von der ersten Seite weg zeigt die Broschüre, dass sie nur einem Zweck dient: Der Rasterfahndung nach behindertem Leben.
Übergangslos, ohne grundlegenden Einstieg in das Thema Genetik, eröffnet der Lehrbehelf mit einer Tabelle der "Grauslichkeiten", was quasi alles in der Natur schief gehen kann und in Form von Syndromen aufgelistet wird, vom Down Syndrom über cystische Fibrose bis hin zu Parkinson. Die damit verbundenen Aussichten in Kurzform: Alles furchtbar, in unterschiedlichem Ausmaß. Um diese Essenz der Darstellung auch bildlich ins "rechte Licht" zu rücken noch ein entsprechendes Schwarz-Weiß-Bild eines entstellten Embryos, Stichwort "Trisomie".
Um solchen "Schaden" von unserer Jugend abzuwenden kommt Hengstschläger rasch zum Punkt: Pränataldiagnostik, Präimplantationsdiagnostik, genetische Beratung zur "objektiven Erläuterung der medizinischen Fakten", um "das Wiederholungsrisiko für Verwandte und die Möglichkeiten damit umzugehen zu verstehen und sich eventuell auf die Behinderung eines Familienmitglieds einstellen zu können".
Worauf man sich da einstellen soll, wird - bei der ansonsten durchwegs farbig gestalteten Broschüre, die auch den Autor durch ein gut fotografiertes Studiobild in gutes Licht rückt - durch "klinische" Schwarz-Weiß-Bilder von Kindern mit Down Syndrom den Aufzuklärenden "plastisch" vor Augen geführt. Besonders entwürdigend: Zwei weitere Schwarz-Weiß-Bilder nackter Jugendlicher mit diversen Syndromen, denen im übrigen weiters keine Information zu entnehmen ist.
Protest: Der Schulbehelf muss zurückgenommen werden!
Die Lebenshilfe Wien protestiert nachdrücklich gegen diese entwürdigende, tendenziöse Darstellung behinderter Menschen als Schaustücke sich wissenschaftlich tarnender Texte. Die Broschüre unternimmt keinen wie immer gearteten Versuch, die positive Lebensrealität vieler Kinder, Jugendlicher und Erwachsener mit Behinderungen darzustellen - während von TV-Serien wie "Lindenstraße" bis hin zu "Bobby" diese komplexe Realität längst in einem ganz anderen Licht gezeichnet wurde als der medizinischen "Fachliteratur".
Mit dieser Aktion konterkariert das Unterrichtsministerium seine eigenen Anstrengungen, das Bild von Menschen mit geistiger Behinderung positiv zu besetzen, vor allem wird damit auch die nunmehr bereits zwei Jahrzehnte währende Entwicklung gemeinsamen Unterrichts behinderter und nicht behinderter Kinder belastet.
Eine "individuelle Entscheidung" und eine "Basis für abwägende Diskussion", wie es im Klappentext der Broschüre heißt, ermöglicht diese Art von Darstellung in keiner Weise. Sie suggeriert nur eine mögliche Konsequenz: Behinderung um jeden Preis verhindern, auch den der Abtreibung. Das bleibt tatsächlich die Entscheidung jedes Einzelnen, aber damit sie auch wirklich verantwortungsbewusst und respektvoll getroffen werden kann, braucht es auch Aufklärung über die Chancen eines erfüllten Lebens von Menschen mit Behinderung, und ihrer Familien.
Die Forderung der Lebenshilfe Wien ist eindeutig: Dieser Lehrbehelf muss zurückgenommen werden. Auch die Lebenshilfe Österreich, das Institut f. Bildungswissenschaften der Uni Wien, die Aktion Leben, Down-Syndrom-Österreich sowie Abg. Dr. Franz-Joseph Huainigg haben bereits gegen den Lehrbehelf protestiert.
10. Mai 2007 / lhw spu SH