Jedes neue Kind bedeutet für die Familie eine Umstellung. Wenn eine Tochter oder ein Sohn geistig behindert ist, ist diese Umstellung wahrscheinlich ein Stück grösser - aber deswegen nicht unmöglich.

- Die Geburt eines Kindes ist immer eine Umstellung, bei einem behinderten Kind noch mehr. Aber Herausforderungen können auch Chance sein.
Was Eltern über die erste Phase ihrer Neuorientierung erzählen:
"Alle neugeborenen Kinder brauchen viel Zeit und Zuwendung; Robert bildete da keine Ausnahme. Darauf hatten wir uns während der Schwangerschaft eingestellt und waren darauf vorbereitet, unsere Lebensgewohnheiten mit dem neuen Familienmitglied auch neu einzuleiten."
"Nachdem uns eine Woche nach der Geburt von Florian der Verdacht auf Down Syndrom mitgeteilt wurde, dauerte es vier Wochen bis zum Abschluss der genetischen Untersuchung der Blutprobe. Diese vier Wochen waren die unangenehmste Phase. Bei meiner Frau ist in dieser Zeit die Möglichkeit der Behinderung unseres Kindes immer stärker ins Bewusstsein hineingewachsen und sie war dann nicht so schockiert. Mich hat die endgültige Tatsache erst dann getroffen. Aber wir sind nie in ein schwarzes Loch gefallen. Wir kamen nie auf die Idee, Florian in ein Heim zu geben oder ihn weniger zu lieben als seine beiden älteren Brüder."
"Eltern warten ja nicht auf Leistungen und Erfolge, bevor sie ihr Kind gern mögen. Angenommen, eines unserer älteren Kinder würde durch eine Krankheit oder einen Unfall eine bleibende Behinderung erleiden: Könnten wir dann einfach aufhören, unser Kind zu lieben? Im Gegenteil - wir würden es wohl mit besonderem Mitgefühl lieben und behüten! Vielleicht erklärt das am besten unsere Liebe zu Michael: Es ist so leicht, ihn gerne zu haben und für immer in unsere Herzen zu schließen."
Alle Eltern können eine lange Liste der Gewohnheiten aufstellen, die sie aufgrund der Behinderung ihres Kindes ändern mussten. (Wie auch andere Eltern mit ihren nichtbehinderten Kindern viele Gewohnheiten ändern mussten.) Dabei gibt es wohl keine zwei solcher Listen, die gleich wären. Vielleicht ist darunter manche Lieblingsbeschäftigung, gesellschaftliche oder berufliche Verpflichtungen, vielleicht ein paar Bekannte oder eine Reihe von Dingen, die sie gern machten. Aber diese Änderungen hinterlassen keine leere Stelle im Leben.
Mit der Zeit bemerken viele Eltern von Kindern mit geistiger Behinderung, dass sie nicht nur teure und liebgewonnene Gewohnheiten aufgeben mussten, sondern auch lernten, neue Anforderungen zu meistern. Manche erzählen, dass sie zur Bewältigung dieser Herausforderungen Energien und Fertigkeiten mobilisiert haben, von denen sie nicht einmal im Traum geglaubt hätten, sie zu besitzen. "Mit Krisen wachsen" ist für viele in dieser Situation nicht nur so eine Floskel geblieben: Letztlich sind es gerade Herausforderungen wie diese, die auch eine neue Chance eröffnen.

