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Wohnen: Leben im Wohnhaus aus der Sicht einer Mutter

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Rosa Prinz, Mutter von Vera, beschreibt ihre Eindrücke und Gefühle, als die Tochter in eine Lebenshilfe-Wohnhaus übersiedelt ist und was sich dadurch für alle Familienmitglieder verändert hat.

 
Vera Prinz mit Betreuer auf einem Waldspaziergang bei einer Urlaubsaktion
Vera Prinz mit Betreuer auf einem Waldspaziergang bei einer Urlaubsaktion
 

Meine Tochter Vera, geb. 1967, wohnt seit 1986 in einem Wohnhaus der Lebenshilfe Wien. In den ersten Lebensjahren meiner Tochter konnte ich mir nicht vorstellen, dass mein kleines zartes, mehrfach behindertes Mädchen einmal nicht mehr ausschließlich von mir betreut werden sollte. Mein Mann konnte sich schon damals nicht mit dem Gedanken anfreunden, sein ganzes Leben nach den Bedürfnissen der behinderten Tochter ausrichten zu sollen. Dies hat sicherlich dazu beigetragen, dass er sich über viele Jahre hinweg im Vorstand der Lebenshilfe engagierte und dort maßgeblich zur Gründung von Wohngemeinschaften auch für schwerer behinderte Menschen beitrug.

Meine eigene Einstellung hatte sich schließlich durch das Verhalten meiner Tochter ergeben. Sie, die immer nur „sanft und lieb“ war, hatte in der Pubertät entdeckt, dass sie einen eigenen Willen hat und brachte dies auch deutlich zum Ausdruck. Als heranwachsende Jugendliche hatte sie - wie andere Jugendliche auch – begonnen, sich gegen mich zu stellen. Den Vater hatte sie dabei ziemlich „verschont“.
Dieses Verhalten hat in mir die Erkenntnis reifen lassen, dass es auch für Vera besser ist, sie mit Eintritt ins Erwachsenenalter aus dem Elternhaus ausziehen zu lassen, um sie dadurch in ihrer Selbständigkeit zu fördern. Ich wurde in dieser Entscheidung von Freunden und Fachleuten unterstützt und begleitet.

Natürlich wollten mir die Gefühle bei dieser schwersten Entscheidung meines Lebens einen Streich spielen. Schuldgefühle und Ängste stürzten auf mich ein, die mich oft nächtelang nicht schlafen ließen. Und dennoch siegte letztlich die Vernunft.
Heute, da Vera schon seit vielen Jahren in ein- und demselben Wohnhaus lebt, kann ich getrost zurückblicken und beurteilen, welche Vorteile Vera, mein Mann, meine anderen Kinder und ich aus dieser Entscheidung gewonnen haben.

Vera hat sehr viel Selbständigkeit erlangt, da sie nicht mehr meiner „mütterlichen Überbehütung“ preisgegeben ist und gelernt hat, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Sie kommt alle zwei Wochen für zwei Tage und zwei Nächte zu uns auf Besuch. Da kann sie es dann zur Abwechslung genießen, in die Rolle der kleinen Tochter zurück zu fallen.

Mein Mann und ich können unseren eigenen Interessen nachgehen ohne immer auf Vera Rücksicht nehmen zu müssen. Wir machen Reisen, gehen Wandern und Schifahren - Dinge, die für Vera zu anstrengend wären oder zu viel Stress bedeuten würden. Wir können den Großteil der Verantwortung für Vera an die „Lebenshilfe“ abgeben und müssen nicht immer den Spagat machen zwischen Freiheit geben und doch Angst haben vor Gefahren. Wir können aus unserer Elternrolle zurücktreten und konzentrieren uns jetzt mehr auf die Wochenenden mit Vera und auf die Zusammenarbeit mit den Betreuern. Die Zukunft unserer Tochter ist über unseren Tod hinaus gesichert, da wir Vera in einer Zeit, wo sie noch jung und wir noch rüstig waren mit dem Leben in einer Wohngemeinschaft vertraut machen konnten.

Veras Geschwister ist die Sorge genommen, ob nicht sie einmal nach unserem Tod die Alleinverantwortung für die behinderte Schwester tragen werden müssen.
Wir alle können als Familie die Freuden mit Vera besser genießen, weil sich die Sorgen und Belastungen, die es weiterhin gibt, auf viele Schultern verteilen.

Dank der gelungenen Wohnhausunterbringung sehen wir unsere Tochter schon lange nicht mehr als „Schicksalsschlag“ an. Sie ist unsere Tochter mit allen Vorzügen und Schwächen, die auch andere – nicht behinderte – Kinder aufweisen. Dass sie wie ihre beiden Brüder nicht mehr zu Hause wohnt, gibt uns das Gefühl, eine ganz normale Familie mit drei erwachsenen Kindern zu sein, die alle in einem eigenen Haushalt leben und zu uns auf Besuch kommen, um über ihre Sorgen und Bedürfnisse, aber auch über ihre Erfolge im selbständigen Leben zu berichten.

Den geringeren Grad der Selbständigkeit, der sich bei einem mehrfach behinderten Menschen von selbst ergibt, konnten wir durch die Vielfalt der Betreuungsmaßnahmen und die große Anzahl von betreuenden Personen in Familie, Werkstatt und Wohngemeinschaft weitgehend ausgleichen und dadurch – ungeachtet der schweren Behinderung unserer Tochter – zu einer weitgehend unseren Vorstellungen entsprechenden Lebensweise gelangen.“